Leserbrief unseres Mitglieds Dr.med.Uwe Langendorf zum Artikel „Gefühlte Epidemie“ von Pawelzik über „burn out“ in der ZEIT Nr. 49, 1.12.11, S. 40

Liebe ZEIT!

Über den Artikel von Kollegen Pawelzik bin ich doch sehr erstaunt:

„Unter den Bedingungen unseres seit Jahrzehnten ständig ausgebauten Sozialstaats fühlen wir uns mehrheitlich derart sicher….“

In welchem Jahrhundert lebt der Autor? Wird nicht der Sozialstaat seit den 90er Jahren heruntergefahren? (Literatur: Butterwegge: Krise und Zukunft des Sozialstaats)

Sind wir zu verwöhnt, zu weich, zu empfindsam und egoistisch geworden, weil wir nicht mehr von Kindesbeinen an die Härten des Lebens zu spüren bekommen? Warum nicht gleich für die Wiedereinführung der Prügelstrafe plädieren, die bekanntlich „noch keinem geschadet“ hat?

Der Autor spricht von Arbeitsstreß ganz pauschal. Als wollten die Menschen sich heute vor der Leistung drücken und hinter dem Modewort „burn out“ verstecken.  Herr Pawlizek unterschlägt völlig den Unterschied zwischen „gesundem“ und „krankmachendem“ Streß. Es kommt bei der psychischen Belastung nicht nur darauf  an, wie viel man zu arbeiten hat, sondern unter welchen Bedingungen. Z.B. ob jemand für seine Leistung Anerkennung bekommt, ob er ein sicheres Umfeld hat, ob er über sich selbst bestimmen kann.Ob er zuverlässige Rückzugsräume hat oder ständig präsent sein muß nach der Formel „7×24“. Schließlich ist Selbstausbeutung nicht nur individuelle Entscheidung, sie wird in großen Teilen der heutigen Arbeitswelt vorausgesetzt, gerade unter den Bedingungen der globalisierten Wirtschaft

Pawlizek führt die Erschöpfungsdepression (ein Begriff des französischen Psychiaters Ehrenberg) auf individuelle Fehleinstellung zurück und . klammert die sozialen Bedingungen völlig aus. So einfach kann man es sich machen

Berlin, den 7.12.2011

Dr.med.Uwe Langendorf

ePetition zur psychotherapeutischen Versorgung

Zum Thema ein Vortrag von Klaus-Jürgen Bruder:

„Die Unterwerfung der Psychotherapie unter die Gesetze des Marktes transformiert diese in grundlegender Weise“ – Von der Notwendigkeit, die gesellschaftliche Realität (in der Psychoanalyse) zur Kenntnis zu nehmen. [pdf]

(Vortrag am 12.11.2011 im C.G.Jung-Institut Berlin Goerzallee 5)

Sowie ein Aufruf zur Neuberechnung des Versorgungsschlüssels für Psychotherapie:

Im Zuge des geplanten Versorgungsstrukturgesetztes (VStG) droht der Abbau von bis zu 30% der aktuell vorhandenen psychotherapeutischen Kassensitze. Dies ist im Besonderen deshalb problematisch, da es bereits jetzt oft monatelange Wartezeiten für ein Erstgespräch bei einem Psychotherapeuten gibt. Diese Situation würde sich durch die Umsetzung des VStG noch deutlich verschärfen, weswegen es mittlerweile von vielen Seiten massiven Widerstand dagegen gibt. Doch selbst wenn es nicht zu einer Einführung des VstG kommen sollte, bestünde weiterhin eine Situation, bei der der Bedarf an Psychotherapie in keinem Verhältnis zum aktuellen Angebot an Psychotherapeuten mit Kassensitz steht. Dies hat seinen Ursprung in der 1993 eingeführten Bedarfsplanung für Ärzte sowie in den 1999 recht willkürlich festgelegten Verhältniszahlen von Psychotherapeut je Einwohner.
Um diese Situation grundlegend zu verbessern, habe ich mich nun mit einer ePetition an den Bundestag gewandt, in der ich zu einer Neuberechnung der nötigen Verhältniszahlen von Psychotherapeut je Einwohner auffordere. Damit diese Petition überhaupt Beachtung erfährt ist es nötig, dass sie von möglichst vielen Bürgerinnen und Bürgern mitgezeichnet wird (namentlich mind 50.000). Die Mitzeichnungsfrist endet am 12.01.12, die Zeit drängt also. Hier der Link zur Petition: https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=detailspetition=21194
Zudem wäre es eine große Hilfe (und vermutlich die einzige Möglichkeit an ausreichend Mitzeichner zu kommen), wenn Sie diesen Link oder auch die gesamte Email an möglichst viele Personen weiterleiten könnten. Sollten Sie Mitglied in einem Verband sein, der an diesem Thema interessiert ist, so würde ich mich freuen, wenn Sie diesen ebenfalls kurz kontaktieren könnten mit der Bitte, die Mail, bzw. den Link zur Petition über seinen Mitglieder-Verteiler zu schicken. Jan Kassel