Weitere Rezension zu “Neoliberale Identitäten”

Wir möchten Sie auf eine Rezension von Bettina Zehetner des Buches “Neoliberale Identitäten” hinweisen, das aus der gemeinsamen Arbeitsgruppe “Psychoanalyse und Gesellschaft” von NGfP und DGPT hervorgegangen ist.

Das neoliberale Subjekt zwischen Grenzenlosigkeit und Ohnmacht

Erschienen auf der Homepage “Frauen beraten Frauen” (http://www.frauenberatenfrauen.at/rezensionen/bruder.html)

Unsere gegenwärtige gesellschaftliche Situation ist durch zunehmende Ökonomisierung aller Lebensbereiche gekennzeichnet. Wir müssen uns täglich bewähren auf dem immer beschleunigter, druckvoller und prekärer werdenden Arbeitsmarkt ebenso wie auf dem Markt der Körper und Beziehungen. In unserer Selbstausbeutung als Humankapital sind wir unsere strengsten Richterinnen, wir wollen ja selbst die geforderte Leistung bringen – um den Preis von Burn-Out und Bindungsproblemen, Gefühlen der Leere und Sinnlosigkeit. Hinter dem Credo „alles ist machbar“ lauert die Kehrseite der eigenen Ohnmächtigkeit und Ausgeliefertheit. Die Auswirkungen dieser Entwicklung betreffen unsere Psyche und unsere Körper ebenso wie unser soziales Zusammenleben, unser Selbstverständnis und unsere Wahrnehmung von Beziehungen. Wir leben unter dem Imperativ der beständigen Selbstbearbeitung und –optimierung und dem permanent bedrohlichen Gefühl, nicht zu genügen. Diese Tendenzen werden auch sichtbar im Gesundheitswesen, in Psychotherapie und Beratung sowie in der Bildungspolitik. Der vorliegende Sammelband setzt sich mit der Frage auseinander, wie diese neoliberalen gesellschaftlichen Entwicklungen unsere Identitäten formen, welchen Herausforderungen und potenziell schädlichen Anpassungsprozessen wir uns als Subjekte unterwerfen. Die Beiträge behandeln die Thematik aus psychoanalytischer, sozialpsychologischer, politikwissenschaftlicher und pädagogischer Perspektive.

Almuth Bruder-Bezzel verdeutlicht die Identitätsformung durch neoliberale Lebens- und Arbeitsbedingungen. Auch auf diejenigen, die einen Arbeitsplatz haben, wirkt sich die Drohung von Personaleinsparungen disziplinierend und verunsichernd aus, das „Gespenst der Nutzlosigkeit“ (Richard Sennett) geht um. Klaus Ottomeyers Artikel „Die Bildung von Identität zwischen Liberalismus und Dschihadismus“ ist ein spannender Text zur Extremismusdebatte. Mit der Frage „Management statt Verstehen?“ bringt Giovanni Maio die potenziellen Auswirkungen der Ökonomisierung auf die Psychotherapie auf den Punkt und zeigt schlüssig, wie eine kurzsichtige Quantifizierung von Input und Output, Kosten und Nutzen das entwertet und verhindert, was tatsächlich heilende Kraft hat: die Beziehung. Diese Entwertung von Beziehungen, der Verleugnung unseres Einander-Ausgesetztseins bereitet den Boden für eine gesamtgesellschaftlich höchst problematische Entsolidarisierung und einen neuen „Jargon der Verachtung“ (Albrecht von Lucke). Für den Institutionenzusammenhang macht Wolfram Keller die ökonomischen Zwänge in der stationären psychosomatischen Behandlung sichtbar: Menschliches ist nicht beliebig messbar und berechenbar und ein reduktionistisches Menschenbild führt zu einem reduzierten Gesundheits- und Krankheitsverständnis, das Pflegende, Patient_innen und Ärzt_innen gleichermaßen belastet. Die Analytikerin Monika Huff-Müller lässt „Traumatisierung in der globalisierten Postmoderne durch geleugnete Entheimatung“ und den Wert der Andersartigkeit in anschaulichen Fallgeschichten lebendig werden. Ergebnisoffenes Sich-Einlassen auf Erinnern und Durcharbeiten kann lebbare Geschichten mit integrierter Vergangenheit und Gegenwart, Herkunft und Zukunft entstehen lassen – ein Plädoyer für eine Psychotherapie ohne Zeitdruck und Zielvorgabe.

Ein Kritikpunkt ist die fehlende Berücksichtigung der Geschlechterperspektive, denn der Neoliberalismus ist keineswegs geschlechtsneutral, sondern installiert hinter moderner Rhetorik altbackene Geschlechterzuschreibungen und betrifft damit Frauen und ihre Körper in ungleich massiverer Weise als Männer, etwa bei unbezahlten Versorgungstätigkeiten und Care Work, bei der Pornografisierung des Alltags, Prostitution und Frauenhandel.

Bettina Zehetner

Rezension von Tilmann Moser zu “Neoliberale Identitäten”

Wir möchten Sie auf eine Rezension von Tilmann Moser des Buches “Neoliberale Identitäten” hinweisen, das aus der gemeinsamen Arbeitsgruppe “Psychoanalyse und Gesellschaft” von NGfP und DGPT hervorgegangen ist.

Ökonomisierung: Vom Einfluss des Geldes auf die Therapie

Erschienen im Ärzteblatt PP15, Ausgabe Juni 2016, Seite 286 (https://www.aerzteblatt.de/archiv/179847/Oekonomisierung-Vom-Einfluss-des-Geldes-auf-die-Therapie)

Programmatisch schreibt die Mitherausgeberin des kritischen Bandes „Neoliberale Identitäten“, Almuth Bruder-Bezzel, über die Auswirkungen des Spardrucks auf die seelischen Zustände der Individuen wie der Psychotherapeuten: „So werden immer umfassender alle Lebensbereiche einer Ökonomisierung ausgesetzt, eine Strategie der reinen Kosten-Nutzen-Rechung. Die Marktmechanismen werden immer umfassender zur Basis individueller und kollektiver Lebensbedingungen.“

Dies zeigt in einem düsteren Ausmaß der frühere Leiter einer psychosomatischen Klinik, Wolfram Keller, in seinem Aufsatz „Stationäre Psychosomatische Behandlung im Spannungsfeld ökonomischer Zwänge“. Die Sparzwänge verwandeln die Diagnosen wie die Beziehungen der Therapeuten zu ihren Patienten: Die Behandlungszeiten schrumpfen, die Therapiemethoden werden zunehmend standardisiert, auch durch die „Manualisierung“ der Abläufe. Und dies um so mehr, als viele „Seelenkliniken“ zu profitorientierten Institutionen werden: So verfügt die „Rhönklinik“ über fast 140 Häuser, und die Therapeuten arbeiten unter hohem Zeit- und Erfolgsdruck nach einengenden „Effizienzkriterien“, sodass er von einem „Reparaturbetrieb“ spricht, der die Rolle der Therapeuten zu einer „Veroberflächlichung“ der Beziehungen verändert.

Andere Autoren beklagen die Wirkung der allgemeinen sozialen Beschleunigung auf die Identitätsbildung, die zu einer „Entfremdung des Selbst“ führen können, weil der Grad der Außenorientierung zunimmt, und da die Ich-Ideale der Leistungsfähigkeit erhalten bleiben, kommt es zu einer „Tragödie der Unzulänglichkeit“, die zum massenhaften Burn-out bei Menschen führen kann, die nicht mehr durchschauen, welchen Erfolgskriterien sie unterliegen. Für die Kassen wie für die Klinikverwaltungen müssen Diagnosen „operationalisiert“ werden, sodass der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio zu der bitteren Aussage von der „Psychotherapie nach dem Modell der industriellen Produktion“ kommt. Es kommt zu einer „Veränderung des Selbstverständnisses des Therapeuten“, der oft gar nicht die Zeit hat, eine vertiefte und haltgebende Beziehung zum Patienten aufzubauen. Mehrere Autoren plädieren deshalb für eine notwendige „Entschleunigung“ der Verfahren. Längst rivalisieren aber verschiedene Therapieschulen um den Rang bei Kliniken wie Kassen mit Behauptungen über eine „effizienzbasierte Verkürzung“ der Behandlungszeiten.

Das Buch stellt in seiner Bilanz eine Art Menetekel dar, eine Warnung vor einer Entwicklung zu einer drohenden Dehumanisierung von Psychotherapie, der vielleicht noch Einhalt geboten werden kann. Tilmann Moser

Almuth Bruder-Bezzel, Klaus-Jürgen Bruder, Karsten Münch (Hrsg.): Neoliberale Identitäten. Psychosozial-Verlag, Gießen 2016, 160 Seiten, kartoniert, 19,90 Euro