An die protestierenden Studierenden der Freien Universität Berlin

Wir unterstützen Ihren Protest gegen die voranschreitende, von den Verantwortlichen weltweit vorangetriebene Ökonomisierung von Bildung. Die Floskel: „Europa solle zum »wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt« werden, verschweigt, für wen dieser Wirtschaftsraum hergerichtet werden soll und wer von ihm profitieren soll.
Deshalb wird auch verschwiegen, welches Verständnis von „Wissenschaft“ und von „Bildung“ dafür gefördert werden soll. Verschwiegen wird, weshalb Bildung auf ihre wirtschaftliche Verwertbarkeit reduziert und nur noch als Dienstleistung konzipiert werden soll. Vollkommen zu Recht fordern Sie, die protestierenden Studenten und
Studentinnen, Schülerinnen und Schüler deshalb eine Bildung ein, die statt dessen zu kritischem Urteilen befähigt. Das kann nur eine demokratisch organisierte Bildung sein, bei der alle an Lehre, Unterricht und Forschung Beteiligte nicht nur über das „Ob“, sondern ebenso über das „Wie“ und das „Was“ des Lernens entscheiden, wie auch über das „Für wen“ und „zu welchem Ziel“.
Wir stimmen deshalb den von Peter Grottian, Michael Kolain und Sebastian Zimmermann und anderen Mitgliedern der Koordinationsgruppe des Bildungsstreiks formulierten Konsequenzen zu: „Das »Turboabitur« und der Sechs-Semester-Bachelor sind durch zivilen Ungehorsam abzuschaffen. Die Hochschulen sollten sich rasch auf eine Debatte eines mindestens fünfjährigen Studiums mit entsprechenden
15prozentigen Zeitressourcen für alle Studierende (Tutoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, Hochschullehrer) einlassen. Eine neue Debatte über exemplarisches Lehren und Lernen ist überfällig. Ein »Notprogramm für Schulen und Hochschulen« ist mit den Kultus- und Finanzministern auszuhandeln, um die katastrophalsten Zustände zu mildern. Ein europäischer Bildungsstreik für 2010/2011 sollte in den Zusammenhängen von ATTAC, dem Europäischen Sozialforum, dem Europäischen Gewerkschaftsbund und den europäischen Schüler- und Studierendennetzwerken konzipiert werden.“

Für den Vorstand der Neuen Gesellschaft für Psychologie

Prof. Dr. Klaus-Jürgen Bruder
Prof. Dr. Günter Mey

Vorstand@ngfp.de