Der Terror – ein etwas anderer Blick

Unser Mitglied Dr. Günter Rexilius wirft einen etwas anderen Blick auf das aktuelle Thema Terror, den wir Ihnen zur Lektüre empfehlen:

*Pawlow in Paris *

*oder: Sprengstoff in unseren Köpfen*

Von Günter Rexilius

(Hier als Word-Dokument: Rexilius.PawlowinParis.doc)

Der Terror. Welcher Terror? Jede einfache Antwort auf diese Frage macht ihn
gefährlicher. Sie ernsthaft zu beantworten bedeutet, danach zu fragen, was
wir mit ihm zu tun haben. Wenn wir ehrlich uns selbst gegenüber sind,
reichen ein paar Sätze oder Absätze nicht aus, unseren Anteil ins wache
Denken und Fühlen zu holen. Die folgenden Überlegungen versuchen eine
historisch-psychologische Annäherung.

*Die Notwendigkeit*

Wir wollen nicht um Menschen weinen, nicht um die uns nächsten und auch
nicht um andere. Wir wollen nicht trauern um Menschen, die der Gewalt
anderer Menschen zum Opfer fallen. Wir wollen nicht voller Schmerz am Grab
derer stehen, die menschliche Grausamkeit mitten aus ihrem Leben gerissen
hat. Wir wollen das nicht, niemand will das, nirgendwo auf der Welt.

Weil diese Gefühle und dieses Wollen uns mit den meisten Menschen verbinden,
sollten die Pariser Anschläge uns innehalten lassen. Wir sollten nachdenken,
also das tun, was uns von allen, die sich der Gewalt bedienen, trennt:
unsere humanen Fähigkeiten nutzen, also unsere Klugheit und unsere Empathie.
Die brisanten Sprengsätze der verbalen Scharfmacher, die uns nun wieder
suggerieren wollen, es gäbe etwas gemeinsam zu verteidigen und wir seien
alle bedroht und potenzielle unschuldige Opfer, können am wirksamsten
wissend und wachsam entschärft werden. Auf diese Weise tragen wir dazu bei,
die Orientierung nicht zu verlieren und unsere Hoffnung nicht aufzugeben,
menschengemachte Leidensströme könnten eingedämmt, vielleicht sogar beendet
werden.

Hoffen lassen, so absurd der Gedanke im ersten Moment erscheinen mag, die
Attentäter -um die auch geweint werden darf, weil sie ihre jungen Leben
einer Idee oder einem Ziel geopfert haben, die uns so sinn- und haltlos
erscheinen -. Sie haben nicht nur sich und Dutzende zufällig Anwesende in
den Tod gerissen, sondern auch uns eine Botschaft ins Bewusstsein gerammt:
Die Notwendigkeit eines epochalen Wandels ernst zu nehmen, die Not, die uns
und vielen Anderen weltweit in der Seele brennt, jetzt zu wenden.

Jetzt heißt: nicht morgen, nicht in einigen Monaten oder Jahren, sondern
sofort. Wenn wir die Dynamik der Gewalt nicht stoppen, könnten nicht
Luft- und Wasserverschmutzung, Pestizide und Antibiotika in der Nahrung und
noch Hunderttausende Jahre strahlender hochgiftiger Atommüll die Erde, auf
der wir leben, zu einem unwirtlichen Planeten werden lassen, sondern die
gnadenlose Sprache von Bomben, Granaten, Maschinenpistolen und Drohnen
könnte den Aufenthalt in vielen Regionen zu einem Horror voller Angst
machen. /Unsere/ Sprache aber sollte sich zu den Hintergründen vordergründig
unbegreiflicher Gewalttaten äußern. Um sie und ihre Geschichte zu verstehen,
müssen wir unseren Blick zurück richten, zu den Quellen der aktuellen Wirbel
im Fluss der Ereignisse.

*Der Terror*

*Afrika I. Kolonialismus*. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden weite Teile des
Kontinents Afrika von Bewohnern des Kontinents Europa besetzt, mit bis heute
nur unzulänglich bewusster, weitgehend verdrängter brutaler Gewalt gegen die
Einheimischen. Sie wurden versklavt, wie Tiere geschunden – und auch
vielfach als solche beschrieben -, ihr natürlicher Reichtum wurde ihnen
genommen, ihr kulturelles Erbe als minderwertig missachtet und zerstört oder
ebenfalls gestohlen. Als die Kolonialisten Anfang des 20. Jahrhunderts
abzogen, nicht aus Einsicht in ihr menschenverachtendes Wüten und das
Unrecht ihrer Ideen und Handlungen, sondern aus vielerlei anderen, macht-
und geopolitischen Gründen vor allem, hinterließen sie in weiten Teilen
unbewohnbare Landschaft und, falls sie sie nicht längst ausgerottet hatten,
geschundene, bis in die letzten Fasern ihrer Existenz traumatisierte
Menschen, die meisten orientierungslos. Unstillbare Wut, die keinen Zugriff
auf die nach Europa verschwundenen Eindringlinge hatte, richtete sich – und
tut es bis heute – gegen andere Eingeborene. Diesen irrationalen Impulsen
genügt ein sprachlicher Akzent oder ein fremder Götze oder ein Lidschlag, um
sie wie einen Orkan losbrechen zu lassen, verdrängtes, aber in den
Erzählungen ihrer Völker unvergesslich aufbewahrtes Leid.

*Vietnam*. Der technisierte Massenord politischer Gegner durch die deutschen
Faschisten und ihr Versuch, das jüdische Volk mit bestialischen Mitteln
auszurotten, aktivierte bei Europäern und Nordamerikanern humanitäre – mit
machtpolitischen Kalkülen durchmischte
– Handlungsmuster. Gemeinsam mit der Sowjetunion bereiteten die Alliierten
dem faschistischen Grauen ein Ende, aber keineswegs der rechtlosen
Okkupation anderer Länder. Frankreich und die USA haben nach
1945 dreißig Jahre lang Vietnam, dieses kleine Fleckchen Erde am Rande
Asiens, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden militärischen Mitteln fast
dem Erdboden gleichgemacht. Millionen Menschen starben, chemische
Kriegsführung mit Napalm – unter anderem war Monsanto an der Produktion
beteiligt – verkrüppelte viele und machte weite Teile des Landes für
Jahrzehnte unbewohnbar. Ein Volk, ein Land wurden Opfer des Hochmuts der
französischen Kolonialherren, der bis heute für das europäische
Selbstverständnis typisch ist: Sie waren überzeugt, dieses Land und seine
Einwohner seien nun mal ihr Besitz; und der nicht weniger aktuell
gebliebenen Hybris der Amerikaner, sie seien die Hegemonialmacht, der sich
jeder andere Staat, jedes Volk, jede Nation zu beugen habe. Sie vor allem
haben in diesem Teil der Erde und in den dort lebenden Menschen Spuren für
immer hinterlassen – wie auch die Tatsache, dass viele europäische, viele
deutsche PolitikerInnen diese barbarische Verheerung explizit gebilligt
haben.

*Kuba. Mittelamerika. Chile*. Die Furcht vor dem „Gespenst des Kommunismus“
gewann nach dem 2. Weltkrieg jenseits des späteren „Eisernen Vorhangs“
quasi-religiöse Züge. Sie führte zu einem bis dahin beispiellosen Feldzug
gegen jede soziale oder politische Bewegung, die von repressiven und
ausbeuterischen Lebensverhältnissen befreien wollte.
Mit militärischen und geheimdienstlichen, ökonomischen und indoktrinierenden
Mitteln wurden Kuba für Jahrzehnte isoliert und wirtschaftlich ausgehungert,
Ché Guevara wie ein bösartiges wildes Tier zur Strecke gebracht und Salvador
Allende und sein Modell eines sozialistischen, für die Armen und
Verelendeten hoffnungsvollen Zusammenlebens in Grund und Boden gebombt.
Ganzen Völkern wurde die Hoffnung auf ein von Unterdrückung und Ausbeutung
freies Leben genommen, aber die Erinnerungen an diesen Traum und an die
Gewalttäter im Norden des Kontinents und in Übersee sind lebendig geblieben.

*Afrika II. Neo-Kolonialismus*. Mitte des letzten Jahrhunderts begann Europa
diesen verwundeten Kontinent ein zweites Mal heimzusuchen, wurde die
Kolonialgeschichte nahezu nahtlos fortgeschrieben. Die korrupten
wirtschaftlichen und politischenEliten in den afrikanischen Metropolen, die
oft Kollaborateure gewesen waren, undtyrannische Stammesfürsten als
gelehrige Schüler der weißen Herren in den Fächern Grausamkeit und
Skrupellosigkeit, öffneten die Tore für die nächsten Raubzüge.
Handelsverträge, die alle wichtigen Bodenschätze für ein paar Cent oder
Pennies sicherten, Arbeitssklaven, die für Almosen oder gar keine Löhne zu
arbeiten gezwungen wurden, auf europäische Bedürfnisse zugeschnittene
Agrarproduktion, die viele Afrikaner mit Hungersnöten bezahlen, Austrocknung
lebenswichtiger lokaler Märkte durch Billigimporte aus Europa, von
europäischen Flotten leergefischte Gewässer mit der Folge von Hunger und
Mangelernährung der Afrikaner, Vertreibung von Millionen und Millionen von
ihrem Grund und Boden in Hunger und Elend zum Vorteil europäischer
Investoren: Alles ist rechtens, auch die Privatarmeen der Konzerne, die mit
hinlänglich dokumentierter Brutalität jenseits von Recht und Gesetz zur
Arbeit antreiben, wüten, töten. So sieht exportiertes europäisches Recht
aus, Menschenrecht in der Sprache der politischen, ökonomischen und
militärischen Aggressoren, deren Opfer zahllos sind, unsäglich ihr Schmerz,
ohnmächtig ihr Zorn.

*Asien.* Als eine große Textilfabrik in Bangladesh zusammenbrach und mehr
als Tausend Menschen unter sich begrub, nahm Europa kurz Kenntnis, gelobte
Besserung und ging dann zum Alltag über – zum eigenen wie zu dem der
Menschen, die in fast allen asiatischen Ländern die Waren herstellen, die
das Leben der Profiteure – also auch unseres – so angenehm, bequem, froh und
bunt machen: Textilien, Lederwaren, elektronische Geräte, Kaffee, Tee,
Kakao, Früchte und Blumen. Millionen Menschen müssen für sie ausgepresst
ihre letzten Lebensfunken lassen, sie quälen sich unter Bedingungen, die sie
verseuchen und vergiften, ohne jeden Schutz vor Gefahren, oft sieben Tage in
der Woche von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Sie vegetieren unter
Bedingungen, die wir unseren Kühen und Schweinen nicht zumuten. Sie sterben
früh, ihre Kinder haben schon bei der Geburt Elend und Tod vor Augen. Die
meisten von ihnen leiden vom ersten bis zum letzten Tag ihres kurzen Lebens;
die Gewissheit, dass es trotz aller Beteuerungen von ManagerInnen und
PolitikerInnen keine Besserung geben wird, ist zu einem fixen Bestandteil
ihres hoffungslosen Daseins geworden,

*Nordafrika, Naher Osten, Afghanistan*. Was und wer immer Nine-Eleven zu
verantworten hat – was seit 2001 als „Krieg gegen den Terror“ geschieht,
verbindet mit Recht und Gesetz, mit demokratischer Gewaltenteilung, mit
Verteidigung von Menschenrechten nur mehr die Worthülsen. Wenn die Kriege in
Irak und Afghanistan, die militärischen Interventionen in Afrika, Bomben und
Uranmunition und Drohnen eine Botschaft transportieren, dann lautet sie: Wir
können Terror besser. Die Broschüre „Body Count“ der IPPNW ist nur
vordergründig eine Zusammenstellung von „nackten“ Zahlen – hinter ihnen
drängen sich zwei ernüchternde Wahrheiten der politisch nicht korrekten
Erkenntnis auf: Zum einen die Demaskierung der sogenannten Werte der
sogenannten freien Welt, zum anderen das wahllose Töten von Menschen als
Mittel von Politik – jener, die das Pech haben, in Ländern zu leben, die zur
Zielscheibe strategischer Bomber oder mit dem Joystick aus dem bequemen
Sessel heraus abgefeuerter Drohnen werden,. Das Leid derjenigen, die ihre
Angehörigen, der Kinder, die ihre Eltern, der Eltern, die ihre Kinder bei
diesen tödlichen Überfällen verloren haben, der Schmerz der Verletzten und
Verkrüppelten, die Angst vor der nächsten nicht vorhersehbaren Attacke, ist
tausendfach und quält sie seit Jahrzehnten.
Irak, Afghanistan, Syrien und Libyen sind zu Sinnbildern der blindwütigen
Zerstörung von Landschaften und der in ihnen lebenden Menschen geworden. Der
europaweite Ruf von PolitikerInnen und Medien nach Ausweitung des Krieges
gegen den Terror als Reaktionen auf die Pariser Anschläge verheißt den
Menschen in diesen Regionen nichts als die Fortsetzung ihres Leidens, ihrer
Angst, ihres trostlosen Lebens als Zielscheibe für Kriegstreiber und
Geheimdienste.

*Europa I, Entwürdigung*. Alles scheint so weit weg und deshalb eigenen
Wahrnehmungen und Gefühlen so schwer zugänglich. Im nächstgelegenen
Supermarkt und dem Restaurant um die Ecke aber rückt uns die schikanierte
Existenz von Menschen, die Billigpreise für unsere Waren und Luxus für unser
Wohlbefinden garantieren, ganz nahe, wenn wir bereit sind, sie zur Kenntnis
zu nehmen. Da sind die Opfer der europäischen –
sprich: deutschen – Austeritätspolitik europaweit; und die wie Arbeitstiere
gehaltenen Rumänen, Bulgaren, Polen, Albaner, Kosovaren usw. auf Plantagen
und Feldern in Italien, Spanien, Portugal, Griechenland – und auch in
Holland und Deutschland -, die in Verschläge gepfercht werden, über die
Käfighühner spotten würden; und die lohndumpingbeschädigten Hilfskräfte in
Handel und Gastronomie; und die ausgenutzten Fach- und Hilfskräfte in
zahllosen Fabriken und auf Baustellen, die über Werkverträge und
Subunternehmer am Mindestlohn vorbei – der als soziale Errungenschaft
gefeiert und über zahlreiche Ausnahmeregeln gleich wieder ausgehebelt wird –
auf unterstem Niveau bezahlt und oft von sie ausnehmenden Betrügern um das
wenige Verbliebene gebracht werden. An vielen Orten, an denen
verantwortlichen PolitikerInnen von Menschenrechten, über den Segen von
demokratischen Errungenschaften und wirtschaftlicher Prosperität reden,
könnten sie dorthin spucken, wo ihre Phrasen ad absurdum geführt werden.
Jeder, jede Einzelne, die in der einen Firma oder auf dem anderen Gemüsefeld
oft bis zum Umfallen schuften müssen, hat Wünsche wie wir, Träume, oft
Kinder in der Heimat, die glänzende Augen bekommen, wenn Fernsehen und
Internet Bilder von unserem Genuss und Vergnügen in ihre schäbigen
Behausungen tragen. Das ist der Fluch, vor allem aber der Segen der neuen
Medien, die Ansprüche auf menschenwürdige Lebensbedingungen bei denen
beflügeln, die um sie betrogen werden, im Namen eben dieser Menschenwürde.

*Europa II, Rassismus*. Europa wird seit einigen Jahren von ihren Opfern
ganz direkt mit den Folgen seiner Kolonialpolitik, seiner Machtpolitik,
seiner Wirtschaftspolitik konfrontiert. Es hat sich so etwas wie ein
qualitativer Sprung im Denken und Fühlen vieler, ganz vieler Menschen
ereignet: Sie ergeben sich nicht mehr in ihr ihnen aufgezwungenes Schicksal,
sondern haben begriffen, zumindest haben sie eine Ahnung davon bekommen,
wohin ihre Reichtümer verschwunden sind und wer sie konsumiert, wer
profitiert und wer die eigentlichen Scharfmacher hinter der alltäglichen
unerträglichen Gewalt sind. Sie haben sich zur richtigen Adresse aufgemacht,
zu ihren Peinigern nach West-, Mittel- und Nordeuropa. Ihr Weg hierher hat
die Qualität einer paradoxen
Entdeckungsreise: Qualen in der nordafrikanischen Wüste, Massensterben im
Mittelmeer, Gewalterfahrungen auf dem Balkan, wo sie getreten, geschlagen,
vergewaltigt und durch Stacheldrahtzäume ausgesperrt werden, entblößen die
europäische Erzählung von Menschenrechten als Camouflage eines offensiven
Rassismus. Wer auch nur einen einzigen Flüchtling in Zustände zurück
schicken will, die ihn bedrohen, ihn krank machen, ihn hungern und frieren
lassen, die ohne Zukunft und ohne Hoffnung für seine Kinder sind, steckt ihm
die Botschaft ins Rückreisegepäck, es seien die seiner Existenz angemessenen
Lebensbedingungen. Egal an welcher Grenze, egal nach welchem Konzept, egal
mit welchen Maßnahmen: Dublin III, längst vorhandene Auffang- und
Abschiebelager jenseits der europäischen Grenzen, Zäune und Schwerbewaffnete
gegen erschöpfte, verzweifelte Menschen, Erstaufnahmeeinrichtungen,
Asylkorridore und Abschieberituale, Frontex und Triton, und nicht zuletzt
die Gleichgültigkeit gegen das Sterben im Mittelmeer, die Unterteilung in
nützliche und unnütze Flüchtlinge und die seelischer Folter gleichende
Duldungs-Dynamik sind Formen des technokratischen Umgangs mit
Minderwertigen, die abgewehrt, abgeschreckt, abgeschoben werden dürfen. Die
europäische, die deutsche Flüchtlingspolitik hat eine rassistische Dynamik,
jenseits von und noch vor Pegida und AfD; Stigmatisierte enden nicht mehr im
KZ – aber ihr Leben ist nicht viel wert. Diese inzwischen alltäglich
belegbare Tatsache ist nur zwei Synapsen von dem Gedanken, es könnte sich um
lebensunwertes Leben handeln, entfernt. Nur wenig emotionale Phantasie
genügt, eine Vorstellung davon zu gewinnen, welche Empfindungen und Gedanken
solche Erfahrungen in den betroffenen Menschen hinterlassen.

*Das Fazit*

Zu erwarten wäre, dass in der Mitte Europas, wo die Verteidiger des
Humanismus, die Mahner Russlands und Chinas und die Apologeten der
Menschenrechte – die sie notfalls mit dem Gewehr im Anschlag und der Drohne
auf dem elektronischen Strahlenweg zu verteidigen bereit sind – zu Hause
sind, die Dialektik der Aufklärung ihre nachdenkliche, ihre selbstkritische
und ihre weltoffene Seite praktisch werden lässt.
Tatsache ist, dass die Protagonisten der westlichen Hemisphäre, Europas und
Nordamerikas, die Garanten des Lebensstils der in ihnen lebenden Menschen,
einen erbarmungslosen Krieg gegen große Teile der Menschheit und der Natur
führen. Wo immer Menschen leiden, wie immer sie in Elend und Not geraten,
was immer sie krank macht und einen frühen Tod sterben
lässt: Europa ist in weiten Teilen der Welt schuldig oder mitschuldig,
verantwortlich oder mitverantwortlich, Täter oder Mittäter. Nicht „der
Islam“ , nicht irgendwelche islamischen oder hinduistischen oder
buddhistischen oder andere religiös nicht im Christentum verwurzelten
Staaten oder Machtsyndikate oder Despoten stehen hinter den Schneisen von
Verwüstung und Vernichtung, die sich über den Globus ziehen, sondern die
politischen und ökonomischen Repräsentanten der abendländischen
Zivilisation. Die Deregulierung der Märkte, sprich: die zerstörerische Logik
der Profitmaschinerie, hat sich weltweit in alle gesellschaftlichen und
menschlichen Lebensgrundlagen hineingefressen.
Bewusst in Kauf genommene Verseuchung der Umwelt lässt die Lebensbedingungen
für einen großen Teil der Menschheit immer unerträglicher und krankmachender
werden. In diesem für alle Menschen bedrohlichen Szenario harmonieren die
drei Säulen des neoliberalen
Wirtschafts- undPolitikkonzept perfekt: Exzessive, durch gesetzliche Regeln
nur punktuell und auch dann nur notdürftig gebremste Ausbeutung von Menschen
und Natur liefert ihre Energie; als Steuerleute sind der unstillbaren
Profitgier politische Machthaber überall auf der Welt zu Diensten, durch
Kumpanei, durch Korruption, wenn es etwas vornehmer abläuft durch
Knebelhandelsverträge einerseits, durch Missachtung demokratischer Regeln
und Verfahrensweisen andererseits – CETA, TTIP, TiSAusw. –; und wenn sie
jemand aufhalten will, hilft die militärische Invasion, die „unsere
nationalen Interessen“ (Gauck), also unseren gestohlenen Wohlstand, sichert.
Den Menschen, die der Profitmaxime einverleibt werden, wird ihr Leben
genommen, lange bevor sie ihren letzten Atemzug getan haben. Aus ihnen
werden Kinder ohne Zukunft, Familien ohne Familienleben, Krankheit, Hunger
und Hoffnungslosigkeit, eine Lebenswirklichkeit, deren seelische,
körperliche, existenzielle Folgen die Kehrseite unserer Zufriedenheit sind.

*Die Folgen*

Religiöser Fanatismus, islamistische Symbiose sind Vehikel für die meisten
muslimischen Gewalttäter und dienen ihrer Rechtfertigung, aber sie sind
nicht der empirische Kern ihrer Attentate und Überfälle. Das kollektive
Gedächtnis der Ausgebeuteten, die verbitterten und hasserfüllten Gefühle der
Unterdrückten, Zerbombten, Verachteten, Ausgegrenzten bedienen sich Allahs
Namen und Autorität, in dem sich verdichtet, was sich als Ergebnis der
Behandlung, die wir ihnen angedeihen lassen, in ihre Gedanken eingestanzt,
in ihre Seelen eingegraben hat. Für das, was ihnen, ihren Eltern und Kindern
und Mitmenschen, angetan wird, gibt es ein treffendes Wort: Terror! Dieser
verbale Bumerang ist weder übertrieben noch unüberlegt, sondern
wissenschaftlich fundiert: Nicht nur psychologische Theorie, sondern
neurowissenschaftliche empirische Befunde zeigen, dass traumatisierende
Erfahrungen sich nicht nur kognitiv in zentralennervösen Arealen festsetzen,
sondern überdauernde, gewissermaßen tiefgefrorene seelische Spuren
hinterlassen, und dass soziale Ausgrenzung zu dem Erleben gehört, das starke
Aggressionen und Hassgefühle nach sich zieht. Haben PolitikerInnen, Medien,
VertreterInnen harter, also kriegerischer Reaktionsmuster, deren Anklagen
und Verdächte sich auf die französischen Banlieus und das belgische
Molenbeek – aber auch auf deutsche muslimischer Milieus – richten, den dort
lebenden jungen Menschen
Bildungs- und Ausbildungschancen, einen sicheren und stabilen Platz in der
europäischen Gesellschaft, eine Zukunftsperspektive angeboten? Ihnen Wege
aus der Sackgasse von Hoffnungs-, Zukunfts- und Würdelosigkeit gezeigt? Auch
nur ein einziges Wort der Entschuldigung oder auch der Erklärung für die
Ermordung von Eltern, Geschwister, Freunden, PartnerInnen und Geliebten im
Namen von Freiheit und Gerechtigkeit gesagt? Die nüchternen Antworten auf
diese Fragen führen nicht geradewegs, aber auf ziemlich direkten Umwegen,
ins Paris vom November 2015. Die Pariser Anschläge sind die andere Seite der
Implosion der Werte, in deren Namen Ungerechtigkeit, Ausbeutung,
Diskriminierung geschehen.

*Die Pawlowschen Reflexe*

Manhattan, Madrid, Charlie Hebdo und jetzt Paris – die auf sie folgenden
Reflexe ähneln denen von Pawlows Hunden, die lernten, auf einen Klingelton
mit Speichelfluss zu reagieren, auch wenn das Fressen weit weg war:
PolitikerInnen und Medien und leider auch viele eigentlich vernünftige und
besonnene Menschen reagieren auf die Anschläge mit kriegerischem Eifer und
geballter Affektladung, ohne dass die Großhirnrinde zwischengeschaltet ist.
Kaum ein nachdenkliches, ein selbstkritisches, ein über den Horizont der
Selbstgerechtigkeit hinausreichendes Wort. Der eigene Terror überschreitet
die Schwelle zur bewussten Wahrnehmung und Reflexion nicht, der andere
Terror wird mit noch mehr Terror beantwortet: Niemand weiß, woher die
Attentäter stammen, aber syrische Orte werden bombardiert, Menschen sterben,
die mit den Verbrechern von Paris so viel zu tun haben wie wir mit dem Mann
im Mond. Sie, die europäischen Akteure in diesem Horror der Eskalation,
machen nicht weniger Angst als die Mörder, die ihren islamischen Glauben
missbrauchen. Im Gegenteil: Auch sie schüren Angst, sie nutzen die von ihnen
und den Medien befeuerte Hysterie, um sich Rückhalt für ihren verbohrten
aber wohlkalkulierten Feldzug gegen einen Feind zu sichern, der nicht zu
besiegen ist, solange Wirtschafts- und militärische Kriege der übrigen Welt
westliches, mehr und mehr europäisches Denken und Handeln aufzwingen. Und
sie versuchen, uns auf Reflexe zu konditionieren, die sich vor den
aufklärenden Gedanken schieben sollen:

*Der Reflex der Freiheit, die verteidigt werden soll*: Welche Freiheit ist
gemeint? Die Freiheit, wo es gerade gefällt in der Welt Bomben werfen,
Granaten zünden, Drohnen ins Ziel steuern zu können? Die Freiheit, Menschen,
wo immer es sich anbietet, bis zum Zusammenbruch ihrer Lebensgeister für das
eigene Wohlleben aussaugen zu können? Die Freiheit, um Hilfe schreiende, vor
Gewalt fliehende, nach Brot und Wasser oder auch nur nach einer Arbeit oder
ein kleines bisschen Zukunft suchende Menschen ertrinken, an Zäunen
scheitern, in Lagern verrotten zu lassen? Oder auch nur die Freiheit, sich
Ressourcen für einen Appel und ein Ei aneignen, sie also genau genommen
plündern zu können?

*Der Reflex der Kultur, um die gekämpft wird*. Wo die westlichen
ManagerInnen, PolitikerInnen und Militärs hintreten, gedeiht keine Kultur
mehr oder nur noch die zur Ware mutierte, die profitable. Die über
Jahrtausende gewachsene und gepflegte kulturelle Tradition der eroberten
Landstriche und ihrer Bewohner wird besetzt, missachtet, ausgelöscht. Oder
meinen die eifrigen KulturkämpferInnen die bildenden Künste? Haben etwa die
Fabrikinsassen in Bangladesh oder die Plantagenknechte in Spanien noch Zeit
und Kraft, Musikinstrumente spielen zu lernen, gefällige Stücke einzuüben
oder sich Dichtern zu widmen und Philosophen zu studieren? Welche Ignoranz,
Selbstgefälligkeit und Borniertheit stecken hinter einer Meinung, es gehe
beim Kampf gegen den Terror eigentlich um kulturelle Hegemonie?

*Der Reflex der Religion, der nicht zu trauen ist*. Religiöser Fanatismus
treibe die Attentäter, in der Tagesschau wird ein Muslim
gefragt: „Welche Gefühle haben Sie, wenn Ihre Glaubensbrüder solche
Attentate verüben?“. Hat jemals hierzulande irgendwo irgendwann jemand
Christen die Frage gestellt, wie es ihnen geht, wenn ihre Glaubensbrüder
tödliche Drohnen abfeuern, mit Panzerhaubitzen auf Zivilisten schießen und
Bomben auf Wohnhäuser abwerfen? Und vorher und anschließend in das
nächstgelegene Gotteshaus gehen, um göttlichen Beistand bitten und das
Vaterunser beten? Im Rücken die zehn Gebote als christliche Marschroute?
Mit welchem Recht, mit welcher Moral gelten für die christliche Untat andere
Bemessungs- und Bewertungsgrundlagen als für die muslimische?
Beide Religionen rechtfertigen weder Mord- und Totschlag noch Terror, aber
im Namen von beiden geschehen sie, und es ist nicht zu überhören, dass mehr
entschiedene Worte der Abgrenzung von muslimischen als von christlichen
Geistlichen kommen.

*Und wir Friedens- und Gerechtigkeitsbewegten?*

Wir wollen nicht weinen. Aber wenn, dann sollte unsere Trauer allen gelten,
die Opfer gezielter, systematischer Gewalt werden, in Paris und Madrid und
New York so gut wie in Bangladesh und in Syrien und in Afghanistan und im
Mittelmeer und in Griechenland und auf dem Balkan und in Europa und bei
Foxconn und und und…Haben Frau Merkel und Herr Hollande auch um sie geweint?
Erst wenn ihre Tränen allen Opfern gelten, auch denen, für die sie die
politische Verantwortung tragen, legen sie ihre Charaktermasken ab und
zeigen ihr menschliches Antlitz.

Niemand kann sagen, sie/er wisse nicht, und wenn sie/er keine Vorstellung
von den entmenschlichten Produktions- und Lebensbedingungen hat, auf denen
unser friedlicher und warengesättigter Alltag ruht, will sie/er nicht sehen
und hören. Solange wir Europäer uns nicht tagtäglich bewusst machen, dass
hinter jedem Kleidungsstück, das wir kaufen, hinter jedem Obst und Gemüse,
das wir essen, hinter jedem Kaffee, Tee und Kakao, den wir trinken, hinter
jedem Handy und jedem Computer, den wir nutzen, und hinter jedem Liter
Benzin, den wir in unser Auto pumpen, Menschen wie wir stehen, die in
unmenschlicher Art und Weise benutzt, betrogen und gequält werden, und
solange wir nicht ganz praktisch mit der Beendigung dieser Diskrepanzen
beginnen, solange wir denen nicht Einhalt gebieten, die in unserem Namen ihr
Vernichtungspotenzial nutzen, solange wir nicht massenhaft Menschlichkeit
und Gerechtigkeit einfordern und erzwingen, werden die Einen weiter bomben
und drohnen, und die Anderen werden sich in die Luft sprengen, und sie alle
werden noch mehr Menschen in einen sinnlosen Tod reißen. Wenn eine
massenhafte Bewegung für Frieden und Gerechtigkeit je Sinn, Zweck und Ziel
gehabt hat, dann jetzt.