„Wir kommen, weil Ihr da ward“ – Interview zum Kongress „Migration und Rassismus“

Wir möchten Sie auf folgenden Artikel hinweisen, der im Vorfeld des Kongresses veröffentlicht wurde:

„Wir kommen, weil Ihr da ward“
Interview mit Dr. Christoph Bialluch, stellvertretender Vorsitzender der NGfP

Erschienen in der „Jungen Welt“ am 25. Februar 2016: https://www.jungewelt.de/2016/02-25/012.php

Alle reden über Flüchtlinge. Wieso auch Sie bei dem bevorstehenden Kongress?
Wir bauen damit eine inhaltliche Brücke vom Kongress 2015 in die Gegenwart. Seinerzeit lag der Fokus darauf, mit welchen Mitteln und Methoden die Politik die Zustimmung zu militärischen Operationen herbeigeführt hat, obwohl in der Bevölkerung große Vorbehalte existierten. Diesmal ist es die Flüchtlingsproblematik, für die aus unserer Sicht genau diese militärischen Interventionen und Kriege in Syrien und Libyen sowie weiteren Ländern verantwortlich sind. Die direkte und indirekte Beteiligung Deutschlands und Europas an diesen Interventionen und damit die Mitverantwortung für die daraus entstandene Krise ist in der öffentlichen Diskussion noch weit unterrepräsentiert, wird von Politikern genauso wie von den meisten Medien nicht genug reflektiert. Wir konnten u.a. den Historiker und Konfliktforscher Kurt Gritsch zu diesem Punkt gewinnen.
Die Fluchtursachen konkret zu benennen hilft aber nicht den Flüchtlingsstrom zu stoppen.
Nein, aber es ist dennoch notwendige Voraussetzung für einen Politik-Wechsel. Die Politik des Regime-Change durch Intervention oder durch die Unterstützung einer dem Westen genehmen Opposition hat weder im Irak noch in Libyen oder Syrien irgendetwas Positives für die dortige Bevölkerung gebracht, sondern letztlich Konflikte bis an den Rand eines Weltkrieges ausgelöst. Wenn Politiker die Bekämpfung der Fluchtursachen als eines ihrer Ziele benennen, ist das nichts als eine Worthülse und meint jedenfalls keinen Politikwechsel. Es wird ja bereits wieder erwogen, in Libyen militärisch einzugreifen. So produziert der Westen nur neue Flüchtlingsströme. Es macht betroffen, dass diese Politik nicht viel mehr Kritiker auf den Plan ruft. Was wir an Denkanstößen beim Kongress dazu beitragen können, das werden wir tun.
Sehen Sie weitere Informationslücken, in die der Kongress vorstoßen kann?
Unbedingt. Prof. Elisabeth Rohr wird versuchen, aus ihren Forschungen in Lateinamerika pädagogische und psychische Betreuungsansätze für die ca. 60.000 unbegleiteten Kinder und Jugendlichen abzuleiten, die seit 2014 nach Deutschland gekommen sind und von der Politik entweder als ein lästiger zusätzlicher Kostenfaktor oder unter dem Aspekt des drohenden Familiennachzugs gesehen werden. Wir werden auch Teilnehmer beim Kongress haben, die mit diesen Kindern arbeiten. Therapeuten stehen in diesem Kontext vor einer völlig neuen Herausforderung, u.a. weil sie nicht nur in ihrer therapeutischen Rolle, sondern auch noch als Sozialarbeiter und eine Art Kulturvermittler gefordert sind.
Auch um die schamhaft verschwiegenen skandalösen Passagen im Asylpaket II zu psychischen Erkrankungen wird es gehen. Boris Friele vom Behandlungszentrum für Folteropfer und andere Psychotherapeuten (siehe Beitrag unten) werden darauf eingehen. Uwe Langendorf vom C. G. Jung-Institut Berlin befasst sich vor allem mit der Unbegreiflichkeit der traumatischen Migration, die sich unserer Vorstellung verweigert. „Es setzt etwas wie eine partielle Blindheit ein, sowohl im Blick auf die jetzige Welt als auch auf unsere Geschichte“, sagt er.
Was bedeutet das?
Wir ahnen eine Welle von bestimmten Traumatisierungen, für die unser Vokabular und Instrumentarium noch nicht ausreichen. Individuell wie gesellschaftlich gibt es eine Blindheit, oder nennen wir es Abwehrhaltung, diese Welle zu sehen; die Größe der Aufgabe macht Angst. Es muss angenommen werden, dass einige der Flüchtlinge so stark traumatisiert sind, dass sie in eine starke eigene Pathologie oder in Gewalthandlungen gehen könnten. Noch gibt es keine ausreichenden Kenntnisse, wie damit umzugehen ist. Als Veranstalter wünschen wir uns, der Kongress könnte dazu anstiften, interessierte Kreise für diese Aufgabe zu bilden.
Jetzt sprechen Sie über Ängste fast so wie manche Politiker.
Die Ängste sind da und zum Teil berechtigt. Die Antwort darauf können aber nicht Grenzschließungen, militärische Lösungen, Abwehr und Zurückweisung von Flüchtlingen sein. Es genügt auch nicht sie willkommen zu heißen. Wir müssen damit rechnen, dass bei einer so großen Zahl von Menschen, die zu uns kommen, schwer Traumatisierte, auch Kriminelle, usw. dabei sein werden. Wenn wir die Realitäten sehen, uns mit ihnen befassen, statt sie zu leugnen, werden wir leichter damit fertig werden – eine alte psychotherapeutische Weisheit.
Gehört zu der von Ihnen erwähnten Blindheit gegenüber der Geschichte auch die Verleugnung von Kolonialismus und postkolonialer wirtschaftlicher Ausbeutung als eine weitere Fluchtursache?
Momentan wird vor allem über Flüchtlinge aus dem arabischen Raum berichtet. Doch wir vergessen die aus Afrika nicht. Sie sind die Kindeskinder einstiger kolonialer Untertanen und formulieren zu Recht in einer Protestlosung „Wir sind hier, weil ihr da ward“. Eva König-Werner, die zurzeit Flüchtlinge aus Eritrea betreut, wird dazu sprechen. Andere Teilnehmer werden darauf eingehen, wie zivilgesellschaftliches Engagement zur Kompensation für fehlende politische Rahmenbedingungen herhalten muss und was das mit Helfern und Betreuern macht.
Bietet der Kongress Lösungen an Stellen, an denen die Regierung sie nicht hat?
Unsere Kongresse gehören zu denen, die vordergründig nichts nützen. Sie bringen keine Creditpoints, schulen nicht in einer später anzuwendenden Technik und helfen nicht auf der Karriereleiter. Umso mehr freue ich mich darüber, wie viele junge Referenten trotz Etablierungsdrucks in ihren eigenen Professionen den Weg zu uns gefunden haben. Unsere Intention besteht darin, für eine kurze Zeit Menschen sehr unterschiedlicher Professionen zusammenzuführen – vom Piloten der Bundeswehr bis zur Psychotherapeutin, von der Soziologin bis zum Pfarrer – und gemeinsam die Expertise für das Migrationsthema zu entwickeln, die auf längere Sicht in Deutschland dringend gebraucht wird.
Das Gespräch führte Christa Schaffmann.